Lance Armstrong Buchkritik: Lance Armstrong von Juliet Macur

Wer ist Lance Armstrong? Ist er der große Held, der zunächst den Krebs besiegte und dann durch seinen Willen und Disziplin sieben Mal in Folge die Tour de France gewann? Dies ist die Version, die Lance Armstrong mit seinen beiden Büchern selbst verbreitete.

Doch nach all den Dopingenthüllungen um den Texaner beherrscht ein anderes Bild die Öffentlichkeit: Lance Armstrong ist demnach ein Betrüger, der durch sein Doping Konkurrenten und Öffentlichkeit getäuscht hat.

Diese Auffassung vertritt auch die Autorin Juliet Macur in ihrer Biografie, die den Untertitel Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog besitzt. Lohnt sich die Anschaffung dieses Buches und wie ist der Mensch und die Leistung von Lance Armstrong nach all den Enthüllungen zu sehen?

Googelt man nach Lance Armstrong, so ist auf der rechten Seite der Suchergebnisse zu lesen, dass er mit 21 Jahren der jüngste Profi-Straßenweltmeister aller Zeiten geworden ist. Eine ziemlich bescheidene Aussage über jemanden, der ab 1999 sieben Mal in Folge den Gesamtsieg der Tour de France holte. Doch Armstrong wurden diese sieben Toursiege aufgrund von Dopingvergehen aberkannt. Sein Ruf in der Öffentlichkeit ist zerstört.

Doch nicht nur sportlich ist der Texaner tief gefallen, auch finanziell geht es ihm an den Kragen: Armstrong wurde zu einer Strafzahlung von 10 Millionen Dollar an seinen ehemaligen Sponsor SCA verurteilt. Doch das ist nicht alles: Die US-Regierung fordert etwa 100 Millionen von Armstrong, da sich das Staatsunternehmen US Postal von Armstrong hinters Licht geführt sieht.

Juliet Macur zeichnet in ihrem Buch den Lebensweg Armstrongs nach. Sehr akribisch trägt sie dabei Informationen über Armstrong zusammen: Ermittlungsergebnisse von USADA (amerikanische Anti-Dopingagentur) und US-Regierung, Zeitungsberichte und zahlreiche Gespräche mit Arbeitskollegen, (ehemaligen) Freunden und Familienmitgliedern sorgen für ein recht umfassendes Bild von Armstrong.

Und dieser kommt dabei gar nicht gut weg. Ein egoistischer Mensch, der Menschen für seine beruflichen Zwecke benutzt hat und Familienmitglieder, die enttäuscht vom Texaner sind. So soll Armstrong seine Mutter nicht finanziell unterstützt haben, als diese in sehr armen Verhältnissen lebte.

Zudem wird immer wieder deutlich, wie Armstrong versuchte, kritische Medienberichte durch Klagen zu denunzieren und zukünftig zu verhindern. Armstrong bedrohte Menschen, die von seinem Dopingprogramm wussten und darüber reden wollten, wie Betsy Andreu, die Frau des Fahrers Frankie Andreu,Floyd Landis oder Tyler Hamilton. Armstrong verleumdete diese Menschen seinerseits, wenn sie gegenüber einer Organisation ausgepackt hatten.

Armstrong kommt in diesem Buch alles andere als gut weg. Gerade die Art und Weise, wie Armstrong Menschen bedrohte und in der Öffentlichkeit bekämpfte, die gegen die Omerta im Radsport verstießen, ist widerlich.

Wie ist Armstrong sportliche Leistung angesichts der Tatsache einzuordnen, dass Doping zu Armstrongs Glanzzeiten im Radsport dazugehörte wie das Aufpumpen der Fahrradreifen? Macur behauptet immer wieder, Armstrongs Teams hätten als einzige das Dopingsystem systematisch betrieben, also alle wichtigen Fahrer des Teams hochprofessionell gedopt. Und bei all den Fakten, die dieses Buch liefert, besteht an dieser Professionalität kein Zweifel. Doch wie kann Macur behaupten, dass in anderen Teams der Umgang mit Dopingmitteln nicht so systematisch erfolgte wie in Armstrongs Teams? Sie hat dafür keine Beweise, was kein Wunder ist, schließlich wäre die Recherchearbeit ins Uferlose ausgeartet. Im Festina-Team etwa, das 1998 im Rahmen des großen Skandals von der Tour de France ausgeschlossen wurde, soll Doping laut Betreuer Willy Voet ebenfalls systematisch betrieben worden sein.

An dieser Stelle wird das Buch unfair. Macur will uns glauben machen, dass Armstrong “die Welt betrog”, doch stellt diese Behauptung angesichts eines Systems, in dem alle dopen und der Umfang nicht vergleichbar ist, lediglich eine Vermutung dar. Vielleicht hat Armstrong seine Gesundheit durch Medikamentenmissbrauch noch mehr riskiert als andere, das lässt sich heute kaum mehr feststellen.

So fehlt bei Macur jegliche Relativierung der Dopingpraktiken rund um Lance Armstrong. In einem System, in dem ohne Doping ein deutlicher Wettbewerbsnachteil entsteht, steht ein Fahrer wie Armstrong vor seinem Eintritt ins Profilager vor folgender Entscheidung: Entweder ich werde Radprofi, dann muss ich Doping akzeptieren, wenn ich Erfolg haben will. Oder ich entscheide mich gegen die Profikarriere, dann arbeite ich, wenn ich wie Armstrong nichts gelernt habe , bei Starbucks an der Kasse.

Und wenn ich mich für den Radsport entscheide und Erfolg haben will, muss ich dann nicht sicherstellen, dass ich die Möglichkeiten des Dopings für mich ausnutze? Ich muss schließlich davon ausgehen, dass andere Spitzenfahrer ebenso mit allen Mitteln Erfolg haben wollen. Muss ich dann in diesem System nicht an die Grenzen gehen? Ist es dann verwerflich, wenn ich zum Thema Doping immer wieder lüge, wie es alle anderen aktiven Radprofis auch tun?

Es ist interessant, in diesem Buch Einzelheiten zu Armstrongs Dopingprogramm zu erfahren, doch zeugt es von einem sehr einfachen Weltbild, Armstrong als Betrüger zu verurteilen. Er mag ein egoistischer Mensch sein, der skrupellos Menschen benutzt, einschüchtert und fertigmacht, doch ist es falsch, Armstrong für seine Dopingpraktiken derart undifferenziert an den Pranger zu stellen. Nicht Lance Armstrong oder Jan Ullrich haben die Öffentlichkeit betrogen, sondern der Radsport in seiner Gesamtheit.

Ich habe früher Lance Armstrongs Autobiographien gelesen und mir ist noch gut in Erinnerung, dass Armstrong in diesen Büchern immer betonte, dass er ohne Doping diese außergewöhnlichen Erfolge bei der Tour de France errungen habe. Diese unnötige Täuschung seiner Fans und diese Selbstbeweihräucherung als Helden nehme ich Armstrong übel. Es hätte ausgereicht, wenn Armstrong bei entsprechenden kritischen Presseberichten immer wieder betont hätte, sauber zu sein, doch Armstrong wollte sich besser darstellen, als er wirklich war.

Angesichts der Tatsache, wie Armstrong Kritiker seiner Person mundtot gemacht hat, wie systematisch er und sein Team gedopt haben und wie dominant Armstrong bei der Tour de France dann gefahren ist, vermute ich, dass Armstrong eine Sache seinen Konkurrenten voraus hatte: Er wollte noch mehr mit allen Mitteln der Beste sein .